Wie lernt ein erwachsener Hund andere Hunde richtig lesen?

  • Neuer Hund, neues Glück, neue Fragen!


    Louie ist nun 2,5 Wochen bei uns.

    Und man hat nun von ihm sich in der Zeit ein besseres Bild machen können.

    Er ist ein eher unsicherer Hund, der offensichtlich noch nicht viel kennen gelernt hat. Aber sehr neugierig ist.

    Viele Sachen findet er gruselig, erschreckt sich, manchmal knurrt er, selten bellt er. Aggressiv geht er dabei nicht nach vorne.

    So stehen wir also und schauen alles lange und ausdauernd an, was Furcht auslöst und sein Interesse weckt. Mähroboter, Bagger, Müllmänner - die Liste ist lang. Irgendwann will er hin und riechen, wenn es geht und dann ist es gut.

    Da seine Sorgen bzw. Ängste ernst zu nehmen, ihm Zeit zu lassen ist kein Problem, es wird jeden Tag besser, immer kann man einen Haken hinter was machen, was er nun kennt und ihn nicht mehr ängstigt, höchstens aufmerksam werden lässt.


    Louie ist kein nach Status strebender Hund, er ordnet sich bei, markiert überhaupt nicht und scharrt auch nicht. Immer noch löst er sich bevorzugt bei uns im Garten, zumeist ohne Bein zu heben.


    Zu seinem Verhalten bei fremden Hunden:

    Carlos und er haben keinerlei Probleme miteinander, sie finden sich langsam sogar etwas interessant.

    Andere Hunde, besonders grosse, lassen ihn schon von der Ferne aufmerksam werden. Am Anfang wollte er nur weg, jetzt, mit zunehmender Sicherheit und mir am anderen Ende der Leine, fängt er schon auf Entfernung an zu knurren und kann sich, je nach Hund, auch in eine wüste Bellerei reinsteigern.

    Bei kleineren Hunden knurrt er meistens anfänglich, will dann aber schnuppern und lässt es auch gerade eben so zu, dass er beschnuppert wird.


    Ich gehe davon aus, dass er in den Sheltern, in denen er war, mit grossen Hunden schlechte Erfahrungen gemacht hat.


    Jetzt nutze ich die Gassigänge, ihn langsam an fremde, bevorzugt kleinere Hunde ranzuführen. Wenn er sie sieht, knurrt er oft, ich lenke ihn ab, zeige und benenne, lass ihn hin, wenn ich meine, er lernt sie positiv kennen. Klappt ganz gut bei einigen der immer wieder erscheinenden Hunden hier. Er steht, schaut, macht nichts. Freut sich aber auch nicht. (Muss er ja auch nicht, obwohl sich später einmal einige als Spielkameraden auf dem Feld anbieten würden).

    Er wird gelobt, wenn alles friedlich abläuft. Zur Ablenkung gibt es je nach dem Tubenleberwurst. Ich benenne dabei die Hunde mit Namen.


    Aber, bei manchen Hunden funktioniert es nicht.

    Freundliche kleinere Hunde, wedelnd, bereit, ihn kennen zu lernen. Carlos ist schon dort, alles Geschnuppere hat er schon erledigt. Er kann fremde Hunde sehr gut einschätzen, da ist Verlass drauf. Wo er nicht hingeht, geh ich auch nicht hin.

    Dann Louie, er knurrt zuerst, schnuppert dann, wedelt nie mit dem Schwanz bei anderen Hunden, steht, schaut, bewegt sich nicht. Dann, ohne erkennbaren Auslöser, macht er einen Satz auf den anderen Hund zu. Da ich ihn an der kurzen Leine habe, passiert da nichts. Aber sein Ansinnen ist nicht friedlich. Obwohl der andere Hund das ist (ich kenne die meisten hier lange).


    Wie gehe ich da jetzt am besten mit um.

    Sehr ihr meine bisherige Vorgehensweise kritisch?


    Sollte ich weiterhin Hundebegegnungen suchen? Wie soll er sonst merken, dass hier niemand ihm Böses will. Ich gehe nicht auf die volle Hundewiese, da wäre er heillos überfordert. Ich dachte mir ein langsames Heranführen. An der Isar, wo alle Hunde fremd sind, gehe ich Bögen oder stelle mich an den Rand und versuche ihn in aller Ruhe hinter mich zu bringen. Heranstürmende Hunde blocke ich ab.

    Will er friedlich hin, lass ich es zu. Da gibt es auch die beiden Reaktionen von ihm. Schnuppern und nichts tun oder schnuppern und drauf. Was das beeinflusst - keine Ahnung.


    Ich würde mich über eure Gedanken hierzu freuen.

    Ich bin mir bewusst, dass 2,5 Wochen sehr kurz sind. Aber die Situation ist für mich neu, ich möchte keine Fehler machen.

    Ich strebe, wie alle, einen Hund an, der Hundekontakte toleriert und nicht gruselig findet, keine Angst hat, nicht meint, aggressiv nach vorne gehen zu müssen. Vielleicht sogar Freude an Begegnungen mit guten Kumpels hat und im besten Falle sogar jemandem zum guten Spiel findet.

  • Ich würde glaube ich versuchen eine Ruhezone zu etablieren.

    Zb hinter dir oder,oder.

    Natürlich erst ohne Reize dann steigern.


    Wenn er erstmal Sicherheit bei dir lernt, wird er sicherer und kann langfristig souveräner in Begegnungen werden.

  • Dann, ohne erkennbaren Auslöser, macht er einen Satz auf den anderen Hund zu.

    Wie reagierst du denn auf dieses Verhalten?

    Hunde haben diese Gabe, sie können deiner Welt ein anderes Gesicht geben, sie zu einem Ort machen, in den du dich kopfüber mitten hineinstürzen möchtest.

  • Ich finde es schon gut was du machst Gatil und den Tipp von Black Jack finde ich gut.


    Joschi habe ich anfangs öfter auf den Arm genommen wenn er sehr aufgeregt oder auch ängstlich bei Hundebegegnungen war. Von oben hatte er einen besseren Überblick und Sicherheit wodurch er sich sofort beruhigt hat und auch beobachten konnte.

    Bellen oder knurren auf dem Arm habe ich nicht zugelassen.

    Inzwischen macht Joschi das ganz gut.


    Kennst du Hundehalter mit gelassenen, größeren Hunden?

    Du könntest dich mit denen verabreden und mit Abstand erstmal hinter denen her spazieren. Und während dich des Spaziergangs ganz langsam annähern. 🤔

    Erinnerungen sind kleine Sterne,

    die tröstend in das Dunkel unserer Trauer leuchten.

                                            (Antoine de Saint-Exupéry)

  • Einfach mal ein paar Gedanken zu dem was du schreibst.


    Ich habe den Verdacht, dass er in einer gemischten Motivation steckt. Einerseits ist er neugierig, das beschreibst du ja an anderer Stelle. Und andererseits fürchtet er sich vor den fremden Hunden, die er nicht gut einschätzen, nicht gut lesen kann und von denen natürlich immer potenziell eine Gefahr ausgeht.


    Und dann hat er sich manchmal überschätzt mit seiner Neugier und fürchtet sich doch. Oder weiß sich plötzlich nicht mehr anders zu helfen als mit der altbewährten Attacke. Oder kann ein bestimmtes Verhalten, einen bestimmten Geruch des anderen nicht einschätzen und schlägt in Abwehrverhalten um.

    Das kenne ich gut:


    Ich hatte mit Tschuli ein ähnliches Problem, sie wollte gerne zu jedem Hund hin, manchmal waren ihr die Hunde dann aber plötzlich doch nicht geheuer und ihr Verhalten ist in Attacke umgeschlagen (sie hat ja immer einen auf mutig und bärenstark gemacht, war im Grunde ihres Herzens aber ein Hasi... und misstrauisch obendrein)


    Mit der Zeit habe ich gelernt, oder besser wir beide haben gelernt, dass es für sie äußerst hilfreich ist, wenn sie den Hund erst eine Weile beobachten kann, bevor sie dann tatsächlich körperlichen Kontakt aufnehmen darf. Entweder sind wir eine Weile ohne Kontakt nebeneinander hergelaufen, also beide an der (kurzen) Leine und mit Abstand, oder wir sind hinter dem fremden Hund hergelaufen. Pinkelstellen wurden beschnuffelt. Oder wir standen herum, ich habe mich mit Halter oder Halterin unterhalten, die Hunde durften sich derweil "aus der Ferne kennenlernen".


    Auf jeden Fall durfte sie den fremden Hund erst eine Weile mit allen Sinnen wahrnehmen, um ihn besser einzuschätzen. Auf diese Weise war der dann stattfindende Kontakt eigentlich in 99% der Fälle friedlich, da sie den Hund vorher schon eingeordnet hatte. Die Attacken passierten eigentlich nur, wenn sie zu plötzlich, zu schnell in den direkten Kontakt gehen durfte und dann auf irgendeine Weise überfordert war.

    Hunde haben diese Gabe, sie können deiner Welt ein anderes Gesicht geben, sie zu einem Ort machen, in den du dich kopfüber mitten hineinstürzen möchtest.

  • Das, was ihr schreibt, hilft mir schonmal, den Hund besser zu verstehen. So ein Modell hatte ich noch nicht.


    Phoebe sah andere Hunde ja auch kritisch, später hat ihr das sehr geholfen, sie auf den Arm zu nehmen. Sie nahm das Angebot gerne an. Bei Louie habe ich das auch probiert, er will das aber überhaupt nicht. Ich war da aber auch zu routiniert am Werk, das hopp und hoch hat ihn erschrocken, da muss ich noch an mir arbeiten, dass ich das langsamer angehe. Da bin ich dabei.


    Ansonsten Schutzraum schaffen versuche ich schon,

    Langsam rantasten mit viel beobachten auch. In allem.



    Wo ich unsicher bin, ist mit dem Ablenken. Die Hunde sind immer sehr gut darin gewesen, mich zu konditionieren. Sie tun was, was ich umlenken will mithilfe von Leckerlies. Sie tun was und dann gibt es was von der Ollen. Gut so. Phoebe war da besonders gut drin.

    Hat aber nicht so eine Rolle gespielt, da sie eher unproblematisch waren.


    Wie lenkt ihr ab,

    Wie lenkt ihr um?

    Er macht schon Sitz, also versuche ich es so:

    Er z.B. bellt, ich rufe ihn, benenne den Auslöser, lass ihn Sitz machen und es gibt was. So auch bei den Hunden.

    Ich lasse mich natürlich verunsichern durch Aussagen wie: ich belohne das Bellen.

    Aber ich habe ja vorher auf mich bezogen und ihn etwas ausführen lassen.

    Wie seht ihr das?

    (Irgendwie war der erste Hund am besten erzogen, das kam aber irgendwie einfach so....).



    Ich versuche bei diesem Hund deutlich konsequenter in meinem Verhalten zu sein, Carlos und Phoebe waren ja sehr wenig erzogen, die Hunde davor deutlich besser und mehr. Da möchte ich wieder hin. Da muss aber in erster Linie einmal ich funktionieren, der Hund macht das dann schon mit, der ist dafür schlau genug, wie es sich bisher zeigt.

  • Ich würde ihn, von dem "sicheren"Ort schauen und auch im Rahmen bellen lassen.

    Abstand vergrößern wenn es zuviel ist und immer versuchen das er auf deine Reizsetzung (Leckerli, Spielzeug, Stimme)reagiert.


    Mach euch nicht zuviel Stress, ich glaube ihr seid ein tolles Team.


    Vielleicht magst du Lissy fragen, ich denke sie ist die Ansprechpartnerin für Hunde aus dem TS.

  • das hopp und hoch hat ihn erschrocken, da muss ich noch an mir arbeiten

    Ich habe es Bonni immer angekündigt. Wenns schnell gehen musste: Bonni Arm, wenn wir etwas Zeit hatten; komm Bonni, aufn Arm.

    Ich lasse mich natürlich verunsichern durch Aussagen wie: ich belohne das Bellen.

    Ich konnte unterwegs nicht belohnen, dafür war Bonni viel zu aufgeregt. Was wir oft gemacht haben, einfach im Park etwas erhöht auf einer Bank gesessen und Menschen ( die waren gruselig) und Hunde ( die waren furchtbar) beobachtet. Tatsächlich war mir immer egal, was die Leute gesagt haben, ich bin auch singend mit ihr auf dem Arm an anderen Hunden vorbei, wenn es nötig war.

  • Mir ist auch eher egal, was andere denken, doch ich denke halt in diesem Falle drüber nach, ob ich es falsch mache.


    Und die Aktion zu benennen, ist natürlich logisch, auf die Idee war ich gerade nicht gekommen, obwohl ich gerade alles benenne.

  • Obwohl der andere Hund das ist (ich kenne die meisten hier lange).

    Das muss für Louie nicht unbedingt eine Rolle spielen. Auch ein friedlicher Hund kann ja ein dezentes Signal der Sorte "Alter, komm bloß nicht auf dumme Ideen!" aussenden, wenn da so ein etwas unsicheres, vielleicht sogar steifes Kerlchen vor ihm steht. Und als Tierheim-Hund hat Louie möglicherweise die Erfahrung gemacht, dass es manchmal besser ist, dem anderen gar nicht erst die Gelegenheit zur Eskalation zu geben, sondern direkt die "Flucht nach vorn" zu ergreifen.

    Das würde dann wahrscheinlich einfach viele positive Erfahrungen brauchen (und idealerweise keine, die ihn in seiner Skepsis bestätigen), um solche Gewohnheiten wieder abzulegen.

  • Ich sehe es durchaus kritisch, eine Übung (also das "Sitz" inklusive der Belohnung) mit Lernen von Sozialverhalten zu mischen.


    Sinnvoller finde ich situativ auf den Hund einzugehen, zuhören, hinschauen, versuchen zu verstehen was gerade in ihm vorgeht und darauf adäquat zu reagieren bzw. zu agieren. Das entschärft Situation und vor allen Dingen zeigt es dem Hund, dass ich bestenfalls verstehe, zumindest aber ernst nehme.


    Er bellt: wie ist seine Körperhaltung dabei? Ist es Aufregung, ist es der Drang zu dem anderen hinzugehen, ist es ein unsicheres, abwehrendes Bellen (bleibt mir vom Leib)...?

    Gatil du hast schon lange Hunde, ich traue dir zu, dein Kerlchen zu lesen.


    Du hast so viele Möglichkeiten! Abwarten, einen Keks geben, Distanz vergrößern, Bogen laufen, hinterherlaufen, ein bisschen mit den Leuten quatschen während der Hund in Ruhe gucken kann usw.


    Von Ablenken und Umlenken halte ich in den von dir geschilderten Situationen erstmal gar nichts, denn das bringt keinen Gewinn an Erfahrung für den Hund. Was aber nicht heißt, dass ich die Verknüpfung mit Belohnungen, also mit positiven Gefühlen ablehne. Ich habe meine Tschuli durchaus mit Keksen an anderen Hunden vorbeigeführt, um die unangenehme Situation in eine nette Erfahrung umzuwandeln. Dabei habe ich aber immer darauf geachtet, dass sie trotz Kekse mampfen den anderen Hund weiterhin wahrnehmen darf (und soll!) - also nicht mit diesem in meinen Augen wirklich unsäglichen "schau-mir-in-die-Augen" daran vorbeigelotst, sondern bewusst den unangenehmen Reiz wahrnehmen lassen, während ich die Stimmung mit einem netten Wort und einem tollen Keks gehoben habe.


    Maßregelung oder gar Strafe für das Verhalten eines "pöbelnden" Hundes (wieder so ein unsägliches Wort: pöbeln! wie ich es hasse!) ist in jedem Fall unangebracht, nein sogar schädlich, denn auch das verknüpft der Hund mit dem Auslösereiz.

    Hunde haben diese Gabe, sie können deiner Welt ein anderes Gesicht geben, sie zu einem Ort machen, in den du dich kopfüber mitten hineinstürzen möchtest.

  • Wenn ich so drüber nachdenke, tue ich mich mit dem Lesen dieses Hundes schwerer als bei den anderen. Seine wunderhübsche Puschelrute ist zumeist immer gleich über seinen Rücken gekringelt, seine Ohren stehen immer spitz nach vorne. Deshalb sehe ich da auch nichts kommen.


    Die Ruten der Terrier, die Haltung und die Art des Wedelns waren für mich leichter zu interpretieren. Er wedelt nicht. Da muss ich bei ihm wahrscheinlich mehr auf kleinere Details schauen. Und vermutlich länger warten, dass er insgesamt weniger angespannt ist bei Hundebegegnungen.

    Also werde ich erstmal wieder mehr Abstand rein bringen.



    Okay, bezüglich Ablenkung bzw. Umlenken in der Situation mache ich mir nochmal Gedanken.



    Danke euch- ich schreibe wieder...

  • Wenn ich so drüber nachdenke, tue ich mich mit dem Lesen dieses Hundes schwerer als bei den anderen. Seine wunderhübsche Puschelrute ist zumeist immer gleich über seinen Rücken gekringelt, seine Ohren stehen immer spitz nach vorne. Deshalb sehe ich da auch nichts kommen.

    Vielleicht kannst du dich erstmal davon lösen, nur einzelne Körperteile zu beobachten. Beobachte doch mal den gesamten Hund. Wohin ist die Körperachse ausgerichtet? Geradewegs auf den anderen Hund zu oder zeigt sich Louie eher seitlich zum anderen Hund? Wohin ist der Kopf gerichtet? Hunde schauen selten seitlich. Da, wo der Kopf hinzeigt, dahin geht meist auch der Blick. Liegt der Körperschwerpunkt eher nach vorn/ oben, oder ist er eher nach hinten/ unten gerichtet? Das kannst du auch bei den anderen Hunden so machen. Den Einwand von KuK finde ich absolut berechtigt. Wenn der andere Hund geradewegs auf Louie zukommt, kann das auch nicht freundlich gemeint sein, auch wenn es nicht gleich laut bzw. für uns Menschen offensichtlich wird. Ein unsicherer Hund wie Louie geht dann sicherheitshalber lieber nach vorn. Ein souveräner Hund hätte das in der gleichen Situation gar nicht nötig und würde eher deeskalierend reagieren.


    Ich glaube ja, die Überschrift dieses Threads passt überhaupt nicht :winking_face: . Wenn Louie aus einem Shelter kommt, dann kann er mit großer Sicherheit andere Hunde sehr gut und auch richtig lesen. Vielleicht ist nur sein Verhalten darauf aus Menschensicht nicht angemessen?! Aus seiner Sicht macht das sicher alles Sinn und vielleicht war das in seinem vergangenen Leben die beste Strategie, um andere Hunde auf Abstand zu halten.


    Schwanz wedeln ist auch nicht gleich bedeutend mit sich freuen. Ein Irrglaube, der sich hartnäckig hält. Schwanz wedeln bedeutet zuerst einmal, dass etwas aufregendes passiert. Das kann positiv, aber auch neagtiv sein. Schau dir mal einen bellenden Hund am Gartenzaun an. Wenn du in akzeptabler Entfernung an dem Grundstück vorbei gehst, wird er bellen, am Zaun entlang streifen und die Rute wird erhoben sein und leicht wedeln. Erst wenn du zu nahe kommst, wird die Rute nicht mehr wedeln und so wie der gesamte Körper steif werden. Als die Rute noch gewedelt hat, hat sich der Hund am Gartenzaun aber sicher nicht über deinen Anblick gefreut.


    Und über die Zeit wirst du auch sehen, dass auch gekringelte Puschelruten sehr hoch getragen werden können, wenn es aufregend wird. Du musst da nur auf den Ansatz achten. Vielleicht erkennst du einen Unterschied erstmal in anderen Situationen, zum Beispiel wenn es Futter gibt. Siehst du einen Unterschied während du das essen vorbereitest und wenn du es ihm dann gibst? Oder wenn ein Familienmitglied nachhause kommt... gibt es einen Unterschied zu sehen, wenn das Auto in die Straße einbiegt und wenn die Haustür aufgeht? Kleine Begebenheiten im Alltag... ganz losgelöst von Hundebegegnungen.


    Er z.B. bellt, ich rufe ihn, benenne den Auslöser, lass ihn Sitz machen und es gibt was. So auch bei den Hunden.

    Ich lasse mich natürlich verunsichern durch Aussagen wie: ich belohne das Bellen.

    Aber ich habe ja vorher auf mich bezogen und ihn etwas ausführen lassen.

    Wie seht ihr das?

    Jein - er bellt:


    Du rufst, er kommt, du benennst den Auslöser, dann macht er Sitz. Das sind vier verschiedene Dinge. Mit einem Leckerchen kannst du nicht vier Dinge gleichzeitig belohnen bzw. verstärken. In diesem Fall belohnst du ausschließlich das Sitz, weil das als letztes passiert ist und damit zeitlich am dichtesten an der Belohnung dran ist. Louie lernt also, für ein Sitz gibts was schönes. Das ist alles.


    Das gute ist, du verstärkst mit dem Leckerchen NICHT das unerwünschte Verhalten, also das bellen.


    Du verstärkst aber auch alle anderen guten Dinge nicht. Das kommen zu dir (und das ist suuuuuper nach 2 1/2 Wochen bei so einer Ablenkung!!!) verpufft im leeren Raum. Der perfekte Rückruf ist die Königsdisziplin. Da üben andere monatelang dran. Das muss sich immer lohnen! Bitte nicht vernachlässigen oder als selbstverständlich betrachten.


    Der Auslöser, den du benennst, hat vermutlich keinerlei Wirkung, weil Louie den Auslöser ja gar nicht mehr im Blick hat - er ist ja mit der Aufmerksamkeit bei dir. Jedenfalls interpretiere ich deine Schilderung so, dass er schon bei dir war bzw. gerade auf dem Weg zu dir. Wenn er, als du den Auslöser benannt hast, den anderen Hund schon wieder angeschaut hat, dann vergiss einfach meine Ausführungen :slightly_smiling_face: .


    "Zeigen und Benennen" soll ja das Ziel haben, dass du irgendwann mal sagst "Louie, wo ist der Hund?" und Louie ruhig den anderen Hund mit dem Blick suchen und anschauen kann, ohne gleich auszuflippen. Das hat weniger damit zu tun, dass er ruhig und gelassen in Kontakt mit dem anderen Hund treten soll, sondern dient dazu, dass er sich auf dich verlassen kann, weil du die Gegend im Blick hast, während er sich mit anderen Dingen beschäftigt. Er muss sich dann nicht mehr erschrecken, bei plötzlichem Kontakt, sondern kann sich frühzeitig darauf einstellen und ein alternatives Verhalten zeigen, das von dir gewünscht ist. DIESES Verhalten wird dann belohnt. Das kann auch ein Sitz sein, aber nur dann, wenn er es von sich aus anbietet, ohne dass du ihn dazu aufforderst. Geeigneter

    wären schnüffeln oder sich abwenden vom Auslöser.

    Okay, bezüglich Ablenkung bzw. Umlenken in der Situation mache ich mir nochmal Gedanken.

    Ich würde mich gar nicht so sehr darauf versteifen, abzulenken, sondern mich eher darauf konzentrieren, dass ich erwünschtes Verhalten verstärke. Du musst ja nicht darauf warten, dass er knurrt, bellt oder nach vorn geht, um dann abzulenken oder umzulenken. Mach es dir doch einfach und belohne schon vorher alles, was erwünscht ist - ruhig sein, sich abwenden, Bogen laufen, schnüffeln...


    Und um punktgenau belohnen zu können, empfehle ich dir, dich mal mit dem Markertraining auseinanderzusetzen. Vielleicht passt das für euch?! Mit einem Marker kannst du ganz schnell, einfach und effektiv erwünschtes Verhalten einfangen und dann im Anschluss mit einem Leckerchen, Spiel oder sonstwas belohnen.


    Dann passiert auch nicht das hier :face_with_tears_of_joy:

    Die Hunde sind immer sehr gut darin gewesen, mich zu konditionieren. Sie tun was, was ich umlenken will mithilfe von Leckerlies. Sie tun was und dann gibt es was von der Ollen. Gut so. Phoebe war da besonders gut drin.


    ... weil es gar nicht erst dazu kommt, dass ein Verhalten gezeigt wird, das umgelenkt werden muss. Sonst "verkommt" das Leckerchen auch schnell zum Bestechungsmittel und ist keine Belohnung mehr.

  • Lissy

    Das muss ich mir jetzt scheibchenweise zu Gemüte führen. Aber schon beim ersten Durchlesen muss ich dir eigentlich bei allem zustimmen.

    Danke dir, dass du so genau auf mein Geschreibsel eingehst.

  • Ich versuche mal, ganz vorsichtig zu formulieren:

    Dein Hund ist seit 2,5 Wochen in einem andern Zuhause, alles ist neu, alles ist fremd, alles setzt seinem kleinen Köpfchen zu.

    Mir scheint, Du hast ihm in dieser Zeit schon sehr viel zugemutet, bei allen Aktivitäten, die Du in letzter Zeit hier gepostet hast.

    Bei vielen Hunden kann das zu einer Überforderung führen, mindestens zu einem überhöhten Stresspegel.

    Wenn das so ist, bedeutet das, dass Hunde nicht gut lernen können, sich anders verhalten, nicht gut in neue Situationen geschickt werden können, etc.


    Meine Erfahrungen waren immer am besten, wenn ich die Hunde erst mal ein paar Wochen ankommen ließ und gar nichts geübt oder erwartet habe.

    Den Tag mit Ritualen gefüllt habe: Wann gibt es was zu essen? Wann gehen wir raus? Wo kann ich schlafen? Wer gehört in die Familie?

    Alles andere bekam Zeit. So viel Zeit, wie der Hund brauchte.


    Vielleicht solltest Du das mal mit dem kleinen Knopf versuchen? Mal nur 1 oder 2 Hundebegegnungen beim Gassi und anderen ausweichen?

    Zuhause einfach das Programm für ihn runterfahren.

    Es kann ja sein, dass das alles in zu kurzer Zeit zu viel für den kleinen Kopf war.


    Ihr habt noch so viel Zeit, Du kannst stolz und froh sein, dass der kleine Louie sich schon so toll in euren Alltag integriert hat. Dass er mit Carlos so gut klar kommt. Dass er keine Ängste aufgebaut hat.

    Das ist eine grundsolide Basis, alles andere kommt ganz sicher, es braucht nur seine Zeit. :slightly_smiling_face:

  • Goody0815

    Das mit der Ruhe, dem Ankommen sehe ich genauso wie du und versuche mich auch dran zu halten. Die Aktivitäten sind seit Tag 3 immer die gleichen. Mit Ausnahme die Zeit auf dem Markt. Die aber sehr ähnlich der Zeit zuhause war. Wir gehen immer die gleichen Wege, zum Pinkeln mit Carlos in das kleine Wäldchen vor der Haustüre. Dann einen längeren Spaziergang ohne Carlos an der immer gleichen Stelle. Dann Auto und Arbeit.

    Ich versuche, Rituale einzuführen.

    Fressen ist eher nicht so seins, ihm schmeckt es meistens nicht, dann gibt es Trockenfutter aus der Hand, das nimmt er in der Regel.

    Wir verbringen sehr viel Zeit auf dem Sofa. Zuhause gibt es kein Programm.

    Da war bisher nur die Begegnung mit der Kröte aufregend.

    Heute hatten wir diverse Hundebegegnungen, wir haben aus der Ferne geschaut, er hat auch mal geknurrt, da sind wir gegangen. Dann fällt er auch schnell wieder in seine intensive Schnüffelei.

    Üben tun wir nicht wirklich, es ergeben sich halt bestimmte Situationen, die ich händeln muss. Und die ich oft mit einem Markerwort belege. Da muss er nichts leisten, da soll er sich nur gewöhnen.

    Erwarten in dem Sinne tue ich auch noch nichts von ihm. Nur von mir selbst. Dass ich mich zurückhalte, keine Dampfwalze bin.

    Das ist auch für mich ein Lern- und Gewöhnungsprozess, mein Naturell war sonst anders. Ich hatte nicht umsonst früher Terrier.

    Nun....

    Ich beobachte, stelle fest und will nichts verkehrt machen, da dieser Hund sich ziemlich unterscheidet von denen davor. Deshalb stelle ich hier meinen Weg zur Diskussion.

  • Hallo Gatil,


    ich erinnerte mich an Standesamt, Frühschoppen, mit zur Arbeit, wenn ich mir das so vorstellte, fand ich das einfach sehr viel für einen Hund, der gerade einzog und das alles noch nicht kennt.

    Vielleicht findest Du noch Dinge, wo Du etwas zurück fahren kannst. Das soll kein Vorwurf sein, ich glaube, man vergisst das einfach, wenn man Hunde hat(te), für die das alles ganz normal und alltäglich war.

    Für einen Hund aus einem Shelter ist die Summe aus allem eine völlig neue Welt, das steckt Hund nicht so locker weg, auch wenn es manchmal danach aussieht.

    Erlaube Dir bitte auch Fehler zu machen, die Haltung nichts verkehrt machen zu wollen führt manchmal auch zum Gegenteil. Jeder Hund ist anders und Du musst ihn ja erst mal kennen lernen, so wie er Dich :smiling_face_with_smiling_eyes:

    Ich bin ganz sicher, dass ihr zusammen auf einem guten Weg seid. Nimm Dir die Zeit. :slightly_smiling_face:

  • Ich möchte hier mal noch etwas zu den Puschelringelruten einwerfen:

    Da gibt es viel zu sehen wenn man weiß worauf man achten muss - wenn nicht siehts halt fast immer gleich aus außer die Rute ist vor lauter Angst/Panik eingeklemmt (sofern der Hund das anatomisch kann).


    Im Groben gibts hier 3 Parameter die unterschiedlich kombiniert beim jeweiligen Hund ein echtes Stimmungsbarometer sind:


    - wohin steht/zeigt der Rutenansatz : Richtung Kopf / senkrecht / oder nach hinten

    - wie eng/lose ist die Rute gekringelt

    - wie buschig ist sie (Haare abgestellt oder angelegt)

    Dazu kommt noch ob der Hund die Rute auch Sichelförmig und oder Säbelförmig tagen kann.


    Grob gesagt, eng gekringelt bei senkrechtem Rutenansatz und komplett buschig = hoher Erregungszustand! Von da aus kanns schnell ins "negative" kippen . Bewegung kann, muss aber nicht in der Rute sein. Hier ist oft keine drin!

    Je loser, glatter und "weicher" die Rute wirkt desto "positiver" ist der Erregungszustand.


    Das sind zumindest mal meine Beobachtungen von europäischen und asiatischen Spitzen.

  • Hallo Gatil,


    ich erinnerte mich an Standesamt, Frühschoppen, mit zur Arbeit, wenn ich mir das so vorstellte, fand ich das einfach sehr viel für einen Hund, der gerade einzog und das alles noch nicht kennt.

    Das stimmt.

    Dass wir ihn mit zum Standesamt genommen haben, da musste er durch. Ich konnte ihn nicht zuhause lassen. Das war ungünstig für den 3. Tag. Wir konnten es uns aber nicht aussuchen und damit scheint er auch in meinen Augen keine Probleme gehabt zu haben. Hauptsache, ich habe mich nicht entfernt. Aber dass es Stress war, den ich gerne vermieden hätte, das stimmt.


    Das mein Mann ihn 2 x in der Woche mit zum Frühschoppen nimmt, da hatte ich gedacht, da Louie so gerne raus geht, ist dies vielleicht eine Möglichkeit, ihm meinen Mann näher zu bringen. Irgendwie zählt der für ihn nicht, jetzt schon etwas mehr als am Anfang.

  • Ich verstehe das, aber es trägt eben zu einem erhöhten Stresslevel bei, dass ein Hund ohnehin schon hat, wenn er sein zuhause wechselt.

    Es braucht dann rein biologisch ein paar Wochen, bis der Hund auf seinem normalen Level ist.

    Alles was on top da drauf kommt, verlängert den Abbau Prozess.

    Stress abbauen beim Hund geht am besten über regelmäßige Mahlzeiten, viel Schlaf, wenig Neues (aufregendes, positiv wie negativ), ruhige Spaziergänge, sichere Bezugspersonen, ein sicheres Zuhause.

    Der kann sein ganzes Leben mit Deinem Mann zum Frühschoppen, aber das kann man ja auch später beginnen, oder? 😄

    Lass ihn ankommen, sich binden, sich sicher bei euch fühlen, dann rockt ihr alles! 👍

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